03.04.2018 Emmanuel Macron

Der oberste Digitalisierer der Grande Nation

Von: Ingo Steinhaus

Während in Deutschland die Digitalisierung immer noch politisch zersplittert ist, nimmt in Frankreich der Präsident die Sache selbst in die Hand.

Emmanuel Macron schüttelt begeisterten Fans die Hand

Emmanuel Macron, der Präsident der Republik und einige seiner Bürger

Emmanuel Macron, seit Neuestem auch französischer Chefdigitalisierer, spricht: „KI wird viele verschiedene Geschäftsmodelle verändern, es ist der nächste technologische Umbruch. Wenn wir unseren eigenen Weg, unsere Gesellschaft und Kultur verteidigen wollen, dann müssen wir ein aktiver Teil der KI-Revolution sein. Da wir Innovationen nicht blockieren wollen, ist es besser, sie direkt von Anfang an innerhalb ethischer und philosophischer Grenzen zu gestalten. KI kann die Demokratie gefährden. Algorithmen, die Entscheidungen treffen, sollten deshalb offen und transparent sein, sodass wir ihre Vorgehensweise verstehen und sicher sein können, dass sie vertrauenswürdig sind.“*

Die Aussagen fielen in einem auf Englisch geführten Interview des französischen Präsidenten Emmanuel Macron mit dem US-Technologiemagazin Wired. Dort verdeutlichte er dem US-Publikum die neue französische Hochtechnologiestrategie. Vor einigen Tagen hat er im Elysee-Palast unter dem Titel „AI for Humanity“ ein gut 1,2 Milliarden Euro schweres KI-Aktionsprogramm vorgestellt. Das Ziel: Frankreich soll einer der führenden Staaten in der KI werden. Macron betont: „Wir verfügen über die Mittel und werden die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.“ Das Motto seiner politischen Strategie wurde auch über Twitter und auf Deutsch verkündet. Ausgesprochen hip mit dem Hashtag #aiforhumanity gekennzeichnet, lautet es: „Wir müssen den technischen Fortschritt und den menschlichen Fortschritt, den wirtschaftlichen Wandel und den sozialen Wandel in nur einer Hand halten.“

Ist Europa nur noch eine Cyberkolonie der USA?

Macron macht damit deutlich, dass wenigstens Frankreich die Digitalisierung nicht für Neuland hält, sondern ebenso an digitalen Technologien interessiert ist wie die USA. Gleichzeitig betonte er, den Silicon-Valley-Style nicht in jeder Hinsicht zu übernehmen: „Das größte Risiko für unsere Gesellschaft ist es, neue Möglichkeiten nur für sehr hochqualifizierte und, auf andere Weise, für sehr gering qualifizierte Arbeitskräfte zu schaffen. Es ist wichtig, die berufliche Qualifikation der Mittelschichten zu beachten, da sie am meisten von diesem Umbruch betroffen sind.“

Die Blockade neuer technologischer Entwicklung ist für ihn allerdings keine Option, im Gegenteil. Denn laut dem Strategiepapier an den Präsidenten können Frankreich und Europa in vielerlei Hinsicht bereits jetzt als „Cyberkolonien“ der USA betrachtet werden. Die Befürchtung: Frankreich könnte zwischen den Digitalriesen aus dem Silicon Valley und der staatlichen gestützten Digitalwirtschaft in China wirtschaftlich und technologisch zerrieben werden. Die einzig wirksame Gegenmaßnahme für Macron ist, das Heft in die Hand zu nehmen und der technologischen Weiterentwicklung voranzustürmen.

Das Milliarden-Programm zur KI-Forschung und Ansiedelung von KI-Startups ist ein konsequenter Schritt, denn der Präsident hat bei seinem Amtsantritt neben allerlei Reformen in Wirtschaft und Arbeitsmarkt versprochen, besonders die französische Startup-Szene zu fördern. Mit der KI-Strategie nimmt Frankreich den Kampf gegen zwei starke Gegner auf. Die USA sind in der praktisch-pragmatischen Anwendung von KI-Verfahren weltweit führend. China hängt noch hinterher, hat aber ebenfalls ein staatliches Programm aufgelegt und möchte bis 2030 KI-Innovationsweltmeister sein.

KI soll transparent und überprüfbar sein

Der Bericht entstand in einer achtköpfigen Kommission unter der Leitung des Mathematikers Cédric Villani, zu dessen zahlreichen Auszeichnungen auch der mathematische Nobelpreis gehört, die Fields-Medaille. Dadurch ist er fachlich qualifiziert, doch er besitzt neben einem Ruf als Popstar der Wissenschaft auch politische Qualifikationen. 2017 wurde er als Direktkandidat der Macron-Partei LRM zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt. Der nach ihm benannte Villani-Bericht enthält einige strategische Eckpunkte, denen sicher auch Angela Merkel zustimmen würde.

Als Basis der Strategie dient die Entwicklung einer neuen „Datenpolitik“, bei der es im Wesentlichen um das Zusammenführen und Teilen von Daten aus Verwaltungen und Unternehmen geht. Dadurch soll es erleichtert werden, große Datensätze aus öffentlich zugänglichen Daten anzulegen. Ebenso grundlegend ist die Spezialisierung auf vier Bereiche: Gesundheitswesen, Verkehr, Umwelt sowie Verteidigung und Sicherheit. Hier soll vor allem die KI-Forschung gefördert werden, unter anderem durch Aufbau und Finanzierung interdisziplinärer Forschungsprojekte sowie einer nationalen Computerinfrastruktur. Dazu gehört aber auch der Aufbau einer europaweiten Private Cloud für die KI-Forschung. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Erforschung der Folgen von KI für den Arbeitsmarkt und die Umwelt.

Eine weitere wichtige Forderung des Strategiepapiers lautet: „Öffnen der KI-Blackbox“. KI-Verfahren sollen transparent sein und regelmäßigen Prüfungen unterliegen. Darüber hinaus sollen in der Ausbildung von KI-Technikern und -Forschern auch ethische Aspekte berücksichtigt werden. Im Zusammenhang mit dem möglichen „Bias“ von KI sollen Maßnahmen getroffen werden, die Inklusion und Diversität berücksichtigen. Hierfür soll Frankreich eine nationale KI-Ethikkommission schaffen, die der Regierung strategische Leitlinien an die Hand gibt. Weitere Empfehlungen betreffen die auch in Frankreich geringe Anzahl von Frauen in IT-Studiengängen (10%), die in einem staatlichen Programm bis 2020 auf 40 Prozent ausgebaut werden soll.

Bildquelle: Présidence de la République

* sinngemäße Übertragung einiger wichtiger Aussagen von Macron.

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